Mein erster Farmaufenthalt im Cowichan Valley

Mein erster Farmaufenthalt im Cowichan Valley

Vor einem Jahr sah mein Alltag noch ganz anders aus. Während ich montagmorgens bereits früh vor dem Laptop saß, Meal Prep neben mir und gedanklich schon im ersten Meeting, findet man mich heute um diese Uhrzeit mit beiden Händen in der Erde wühlend im Garten – entweder auf der Suche nach Unkraut oder bei der Rhabarberernte. Meine Office-Schuhe habe ich somit vorübergehend gegen Gummistiefel eingetauscht. 🌱

Meine 2,5 Wochen im Cowichan Valley neigen sich nun dem Ende zu und damit endet auch meine erste Workaway-Erfahrung auf einer kleinen Rhabarberfarm. Ich habe hier bei einem super lieben Ehepaar gelebt, das nicht nur eine Rhabarberfarm betreibt, sondern auch einen wunderschönen Garten hat, der täglich gepflegt werden muss. Die beiden sind sehr aktiv, haben schon die ganze Welt bereist und hatten immer spannende und lustige Geschichten von ihren Abenteuern auf Lager. Besonders beim gemeinsamen Abendessen oder langen Spaziergängen mit dem Hund haben wir uns sehr lange unterhalten.

Ich habe hier schnell gemerkt, wie anders ein Alltag auf einer Farm zu meinem „eigentlichen“ Leben doch ist. Ehrlich gesagt fühlt es sich manchmal ein bisschen an als wäre ich in einer Folge von Clarkson’s Farm gelandet. Nur mit deutlich weniger Chaos und beim Überladen vom gemähten Gras läuft alles reibungslos. Gearbeitet habe ich meistens bis 13 Uhr, danach gab es Lunch und am Nachmittag hatte ich etwas Freizeit. Abends wurde dann gemeinsam gekocht und im Family-Style gegessen. Oft mit Gemüse und Obst direkt aus dem eigenen Garten.

Hier kommen nun meine 10 Learnings aus meiner ersten Farmerfahrung auf Vancouver Island:

  1. 🚜 Farmarbeit ist erfüllend – aber definitiv nicht zu unterschätzen.
    Den ganzen Tag draußen an der frischen Luft zu sein, tut echt gut, aber abends habe ich meine Muskeln und den Rücken definitiv gespürt. Ich habe auf jeden Fall sehr gut geschlafen. Dazu kamen dann die neun Stunden Zeitverschiebung, was überraschend kompliziert wird, wenn man mit Menschen aus Deutschland telefonieren möchte und jeder einen geregelten Tagesablauf hat und zu einer normalen Uhrzeit schlafen oder aufstehen möchte.
  2. 👩🏼‍🌾 Ich habe gelernt, wie man Rhabarber richtig erntet.
    Bloß nicht drehen! Man zieht die Stange mit einem kräftigen Ruck gerade heraus, schneidet anschließend das Grün möglichst knapp ab und setzt zwei Schnitte am „Toe“. Macht Spaß und man hat den Dreh ziemlich schnell raus.
  3. 🐮 Kühe sind extrem neugierig.
    Seit einer Woche wohnen bei uns vorübergehend zwei Kühe. Wir haben sie Frick und Frack getauft, wobei ich entscheiden durfte, wer wer ist. Sobald wir auf ihrer Wiese gearbeitet haben, standen sie plötzlich direkt neben uns und wollten ganz genau wissen, was wir da treiben. Besonders großen Gefallen haben sie jedoch am Hund der Familie gefunden. Verständlich. Es ist wirklich der süßeste Hund, dem ich bisher begegnet bin. Am liebsten würde ich ihn mitnehmen.
  4. 🚐 Ohne Auto ist man hier ganz schön aufgeschmissen.
    Bis nach Duncan braucht man mit dem Auto gerade mal 11 Minuten. Mit dem Rad fast 45 Minuten. Lieberweise hat mich meine Host manchmal im Pick-up mitgenommen. Fun Fact: Ich war sogar kurzzeitig davon überzeugt mir ein Auto kaufen zu müssen. Autokauf liegt jetzt erstmal auf Eis. Hier ändern sich die Pläne fast täglich. Schon verrückt.
  5. 🇨🇦 Kanadier sind einfach unglaublich freundlich.
    Ich wollte mir u.a. in einer Eisdiele nur schnell einen Kaffee holen und bin am Ende mit den Kontaktdaten einer lieben Frau aus Toronto wieder rausgegangen, die mir angeboten hat, jederzeit bei ihr unterkommen zu können, falls ich mal in der Stadt bin. Einfach nur, weil wir uns sympathisch waren und sie vor vielen Jahren eine tolle Zeit in Deutschland verbracht hat und etwas zurückgeben wollte. Oder auch der Freund meines Hosts, der mir selbstgeröstete Kaffeebohnen mit Schokoladenüberzug vorbeigebracht hat, weil er mitbekommen hatte, dass ich Kaffee liebe. Sehr lecker und super lieb.
  6. 🍴Ich habe typisch kanadisches Essen probiert.
    So habe ich zum ersten Mal Smores gegessen – inklusive professioneller Anleitung, wie man Marshmallow, Cracker und Schokolade korrekt kombiniert. Zudem habe ich vegetarischen Shepherd’s Pie gegessen, Nanaimo Bars gekostet und natürlich ganz viel Rhabarber gegessen. Die Obsession mit sauren Gurken (Pickles) scheint sich übrigens fortzusetzen: Gestern habe ich frittierte Pickles probiert. War erstaunlich lecker!
  7. 🛒 Ein Besuch bei Costco ist ein Erlebnis für sich.
    Ich habe noch nie in meinem Leben so große Lebensmittelverpackungen gesehen. Alles ist mindestens doppelt (wenn nicht sogar dreifach) so groß wie normalerweise. Mein persönliches Highlight: 1 kg Feta. Hätte ich am liebsten direkt eingepackt. Außerdem gab es Kostproben an jeder Ecke und ich habe das größte Softeis meines Lebens gegessen, für das ich insgesamt 45 Minuten brauchte. Nicht übertrieben. Ehrlich.
  8. 🍿 Im Kino gibt es hier nur salziges Popcorn.
    Oft sogar mit extra Butter obendrauf. Habe ich natürlich getestet und tatsächlich für gut befunden. Auch, wenn mir die Kombi aus süß und salzig am liebsten ist (Grüße gehen raus an meine liebe Freundin von daheim, die mich auf diese leckere Kombi gebracht hat.) Kleiner Filmtipp: Der Teufel trägt Prada 2 ist wirklich ein ganz toller Film. War auf Englisch richtig gut!
  9. 🍇 Im Cowichan Valley gibt es richtig gute Weingüter.
    Ein Weintasting lohnt sich! Ich habe hier bei einem Testing vier sehr leckere Weine probieren dürfen. Mein Favorit war der 2024 Bacchus vom Weingut Blue Grouse.
  10. 🤝 Und zu guter Letzt: Ich habe gemerkt, wie wichtig mir der Austausch mit anderen Volunteers ist.
    Nach meinem Roadtrip, bei dem jeden Tag neue Eindrücke und Orte auf mich gewartet haben, war die Umstellung auf das eher ruhigere Farmleben auf einer abgelegenen Farm doch erstmal gar nicht so leicht. Neue Unterkunft, neue Aufgaben, neue Menschen – und plötzlich viel Zeit zum Nachdenken. Insbesondere beim Unkraut jäten. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen. Nach ein paar Tagen kam dann noch ein Pärchen auf die Farm und da habe ich so richtig gemerkt, wie sehr ich das gemeinsame Kochen, die Gespräche zwischendurch beim Arbeiten oder auch spontane kleine Ausflüge am Nachmittag genieße. Und genau deshalb haben sich meine Pläne etwas verändert und jetzt kommt spontan meine eine Freundin vom Roadtrip mit auf die nächste Farm – was für uns beide einfach perfekt passt.

Ich habe hier also nicht nur viel über das Farmleben gelernt, sondern auch über Gartenarbeit, neue Rezepte und irgendwie auch wieder ein kleines bisschen mehr über mich selbst. Ich bin gespannt, was der zweite Farmaufenthalt für uns bereithält und freue mich auf die neuen Herausforderungen. Die Kochkünste meiner Host, die gemütlichen Abende am Lagerfeuer und die vielen lustigen Geschichten werde ich jedoch bestimmt vermissen und mich gerne daran zurückerinnern.

7 Kommentare zu „Mein erster Farmaufenthalt im Cowichan Valley

  1. Liebste Kari❤️vielen Dank für deinen wunderschönen, sehr interessanten und sehr ehrlichen Bericht💞Ich bin sehr gerührt ❤️Es ist ein Geschenk, dass du diese Erfahrungen machen darfst, denn sie werden für dein weiteres Leben sehr wertvoll sein. Du hast gelernt, Situationen anzunehmen und auszuhalten oder eben auch Entscheidungen zu treffen, etwas zu verändern….auf jeden Fall, gut für dich zu sorgen🙏❤️Ich bewundere dich für deinen Mut und deine Kraft und lerne gerade auch wieder dazu❤️Daaaanke dafür und gehe weiter deinen Weg und sei glücklich ❤️Dicke Umarmung❤️

  2. Beim Mitlesen kommt es mir vor, als wären wir hier in Brieselang County auch ein bisschen in Kanada – es lenkt wenigstens von der Arbeit ab!

  3. Meine liebste Kari, was für ein „warmer, intensiver, sehr berührender Bericht“❣️DANKE von ganzem Herzen🥰
    Ich freue mich so mit über Deine Erlebnisse….am meisten darüber, dass Du alles so reflektierst und DIR selbst immer ein Stück näher kommst🤩💫
    Fühl Dich ganz fest gedrückt❤️😍
    Deine Judith

  4. Ich schließe mich all diesen vielen bewundernden Worten sehr gerne an. War von all Deinen bisherigen Berichten begeistert, aber dieser hier ist echt die absolute Krönung. Total lebendig, ehrlich und auch ein wenig nachdenklich schreibst Du uns und das ist einfach nur schön. Hab weiterhin viel Freude an allem, bleibe neugierig und auch auf Deiner nächsten Farm so fleißig, auch wenn es vielleicht keine Rhabarberfarm ist und kein Unkraut gibt. Drücke Dich gaaaaaaanz lieb

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